Book Report: 1933, Der Weg ins Dritten Reich

Vor ein paar Monaten als ich in Wien war, habe ich Ulrich Schneiders Buch gefunden und gekauft. Gleichzeitig gab es eine große Debatte in sozialen Medien über die Geschichte der Transmenschen während der Nazizeiten. Ich hatte das Gefühl, dass ich ein bisschen mehr darüber lernen sollte, und fand das Buch klar, einfach, und unkompliziert.

Es gibt eine populäre Ansicht, besonders unter amerikanischen queeren Gemeinden, dass Transmenschen die ersten Opfer der Nazis waren. Der Glaube stammt aus einem teilweisen Stück eines bestimmten Ereignisses, nämlich die “Aktion wider den undeutschen Geist”, der Anfang Mai 1933 stattfand. Ein Ziel der Deutschen Studentenschaft (DSt) war, das von Magnus Hirschfeld geleiteten Institut für Sexualwissenschaft. Hirschfeld war unter anderem ein jüdischer Sexualwissenschaftler, der sich auch als einen Gegner des Faschismus hinstellte. Dass Hirschfeld und sein Institut ein Ziel war, steht nicht zur Debatte. Das Problem liegt darin, dass viele queere Leute glauben, dass das Institut das einzige oder oberste Ziel war. Das ist nicht nur falsch, es besteht auch die Gefahr, dass der Antisemitismus der Aktion unsichtbar wird.

Schneider gibt dafür den Kontext, um das Ereignis zu verstehen. Die Aktion wird im 10. Kapitel beschrieben, der Titel: Ausgrenzung und Antisemitismus. Wie alle vierzehn Kapitel im Buch besteht der Text aus einer kurzen Analyse und vielen zeitgenössischen Dokumenten. Das ist die größte Stärke des Buchs: Die Möglichkeit, originale Dokumente, Gesetze, Zeugnisanschriften usw. zu lesen, verbessert die Analyse und macht den Inhalt leichter verständlich. Jedes Kapitel besteht in der Regel aus weniger als 15 Seiten. Das heißt, das Buch ist auch für diejenigen erreichbar, die noch Deutsch lernen. Ich konnte die Kapitel einfach aufteilen und las jeden Abend ein oder zwei Abschnitte. Der Kompromiss dazu ist, dass die Analyse nicht besonders tief ist. Für mich ist es auch seltsam, dass manche Dokumente aus Wikipedia stammen. Trotz diese Schwächen entspricht das Buch einer guten Zusammenfassung der Geschichte der Errichtung der Nationalsozialisten.

Der Historiker J. Steakly schreibt:

Nur dann, wenn eine auf unumstößlichen Fakten basierende Geschichtswissenschaft mit ihren Ansprüchen und Normen respektiert wird, vermögen historische Einsichten die öffentliche Meingung zu beeinflussen, soziale Einstellunging umzustimmen und Wahres von Unwahren zu trennen. Wie können wir den historischen Revisionisten, also all jenen Vertretern der pseudowissenschaflichen Auschwitz-Lüge, den Vorwurf machen, sie würden Fakten verzerren oder ignorieren, solange wir selber mit historisch nicht haltbaren Tatsachen argumentieren?

Schneiders Behandlung von der Aktion wider den undeutschen Geist gilt als passender Kontrapunkt zu dem heutigen Mythos. Es ist natürlich selbstverständlich, dass die Nazis queere Menschen verfolgten. Aber Schneider schreibt in seinem Buch fast nie über Hirschfeld. Das ist kein Versehen, sondern der Transnarrativ ist eine Übertreibung. Die Aktion wider den undeutschen Geist besteht vornehmlich aus Antisemitismus, so oft steht es in den Dokumenten. Aber klar: das Buch handelt von mehr als nur einem Ereignis in 1933. Besonders wichtig ist die Erklärung der Machteinsetzung der Nazis. Schneider zerstört Mythen über den Aufstieg Hitlers, beschreibt die antifaschistische Bewegung, und erklärt, wie die Geschäftsführer von großen deutschen Firmen Verbündete wurden. Die sind wesentliche Tatsache, die man verstehen muss, um die Nazizeiten nachzuvollziehen.

1933 — Der Weg ins Dritten Reich
Ulrich Schneider
ISBN 9783894387945

Vielen Dank an Nicolai für die grammatischen Hinweise!

Posted: 29.07.2023

Built: 22.02.2024

Updated: 29.07.2023

Hash: a30132c

Words: 520

Estimated Reading Time: 3 minutes